RÜCKBLICKE - UMBRIEN
ENTDECKUNG EINER LANDSCHAFT – FOTOARBEITEN

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Ist es möglich eine Landschaft zu beschreiben, ein Landschaftsbild zu erstellen, das der Wirklichkeit entspricht?
Wie vielfältig sind die Bilder, die du vor dir hast, wenn du die Augen schließt und an Umbrien denkst! Ist es nicht seltsam, es sind meist die Bilder der heilen umbrischen Welt, die du dann vor dir siehst, das "bella vista", die sanften Hügel, die malerischen Seen, die alten Dörfer und Städte, die typischen Farben.
Aber natürlich gibt es sie auch, diese Anblicke, diese "Unblicke", welche die Augen beleidigen. Soll und kann ich diese einfach ignorieren?

Eine Landschaftsbeschreibung wird immer subjektiv ausfallen. Die eigene Stimmung wird immer mitschwingen. Auch wird die Tageszeit, das Wetter, der Sonnenstand dich bei der Bildwahl beeinflussen und die Authentizität zerstören.
Hast du dich dennoch auf die Fährte begeben und unendlich viele, "schöne" Fotos geschossen, dann erreichst du spätestens jetzt, beim Selektieren deiner Ausbeute, Klarheit über die Vergeblichkeit deiner Mühe. Die Dokumentation wird immer die einer Reisebroschüre oder bestenfalls die des üblichen Bildbandes sein, und den authentischen Eindruck wirst du vergeblich suchen. Dies liegt an der persönlichen Motivsuche und der Selektion des Bildmaterials.
Bei der Entdeckung der Landschaft in den Verkehrsspiegeln ist das anders. Die Platzierung dieser Spiegel wird nicht unter dem Gesichtspunkt gewählt, eine besonders eindrucksvolle Spiegelung zu erreichen, sondern sie erfolgt aus ganz profanen Gründen. Es spiegeln sich keine "Highlights", sondern die ganz "normalen" Situationen, die alltäglichen Ein- und Ausblicke in eine Landschaft, die man selber so nie gesucht und gefunden hätte.
Ich brauche mein Bildmaterial nicht mehr zu selektieren, ich zeige sie alle, diese fünfzig Spiegelblicke, die zu unterschiedlichsten Tageszeiten, am Wegesrand oder in den Städten und Dörfern entstanden. Nein, ich wartete nicht, bis die Beleuchtung besonders günstig war, der momentane Blick, jener Zeitpunkt, an dem ich den Spiegel zufällig entdeckte, sollte festgehalten und wiedergegeben werden.
Auch manipulierte ich nicht mit dem Bildausschnitt im Spiegel. Ich wählte immer, wenn es die Situation zuließ, den gleichen Bildausschnitt und Blickwinkel in den Spiegel. Ein möglichst unverfälschtes Bild auf die Landschaft von Umbrien wollte ich erhalten. Dass dennoch Bilder entstanden, die Gemälden alter Meister gleichen, ist als ein schöner und unglaublicher Zufall zu werten, der mich freute. Um zu verdeutlichen, wie zeitlos diese Landschaft ist, überarbeitete und verfremdete ich einen Teil der Fotografien auf Aluminiumplatten und fotografierte sie anschließend erneut ab. Als Resultat erhielt ich ein Abbild, das einem alten Stich ähnelt und das nicht nur die Vergangenheit widerspiegelt, sondern auch einen Blick in die Zukunft wirft, die Vision des allmählichen Zerfalls alles Irdischen.

Irene Bauer-Conrad